------------ An Tagen wie diesen in den Nächten danach!
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Die Memoiren des Laxim Rokov
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Kapitel 1: Meine ersten hundert Jahre
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Geboren wurde ich im einhundertachten Regierungsjahr von König Bastan Jormamak. Bei ihm handelte es sich auch um den obersten religiösen Würdenträger des Reichs, was für seine Machtstellung wichtig war, denn die Religion stellte den bedeutendsten Pfeiler im Leben der Vampire dar. Seit ewigen Zeiten verehrten sie einen Gott, der Moraxus (heute Mond) genannt wurde. Sie sahen ihn in einem immerwährenden Kampf gegen die böse Göttin Sorxus (heute Sonne). Jede Nacht wurde für den endgültigen Untergang der Sonne und das Anbrechen eines nächtlichen Zeitalters gebetet. Es gab nur eine kleine Gruppe von Vampiren, die nicht diesem Glauben nachhing. Sie nannten sich selber Reformvampire und behaupteten, dass es möglich sei, tagsüber zu leben.
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Meine Eltern gehörten der Reformbewegung an und ließen mich tagsüber im Freien toben und nachts schlafen. Dementsprechend wusste ich schon sehr früh, dass die Vampirreligion auf einer Lüge aufbaute. Weil Bastan Jormamak aber kaum ein Vergehen härter bestrafte, als die Missachtung der Bräuche, mussten sich die Reformer weit außerhalb der Zentren des Königreiches ansiedeln.
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Deswegen wuchs ich in einem abgelegenen Tal auf. Es war wirklich abgelegen. Es befand sich nicht nur außerhalb der Zentren der Macht, sondern viel eher auch außerhalb der außerhalb der Zentren der Macht gelegenen Orte. Es lag soweit abseits, dass die meisten Landkarten es gar nicht mehr als Teil des Vampirreiches verzeichneten. Doch hatte dieser Wohnort einen unbestreitbaren Vorteil: Wenn wir in einer der dicht besiedelten Städte gelebt hätten, wäre es meinen Eltern nicht möglich gewesen, sich ein eigenes Schloss zu leisten. Mein Vater hieß Wladimir und meine Mutter Maria.
.BB
Beide kamen durch die Lektüre des revolutionären Buches “Nachtgewächs Tagtraum“ des Autoren Philip von Zimmern zur Reformbewegung. Er stellte als erster die alten Überlieferungen in Frage und behauptete, die Sonne würde Vampire nicht töten. Er kam nicht mehr dazu, seine These zu beweisen, denn ein zweifellos tödliches Beil durchtrennte ihm vor einer grölenden Menschenmenge in der Hauptstadt des Vampirreiches den Kopf.
Im Anschluss an diesen Schauprozess wurden die Gesetze verschärft. Es reichte schon der Verdacht eines Sonnenbrandes aus, um für immer in den Gefängnissen zu verschwinden. Meine Kindheit verlief dennoch glücklich, zwar einsam doch glücklich. Weil die Einzelheiten für den interessierten Leser aber nicht von Bedeutung sind, werde ich nicht genauer auf sie eingehen und möglichst rasch auf die Ereignisse meines Lebens zu sprechen kommen, die mich berühmt machten. Diese beginnen unweigerlich mit meinem Aufbruch aus dem elterlichen Schloss. Wie für jeden jungen Vampir brach für mich mit einhundert Jahren die Walz an.
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Wir Vampire zogen dabei auf der Suche nach einem passenden Beruf durch die Welt. Nur um dann zu erfahren, dass sich gerade der eigene Traumberuf gerade in einer Rezession befand und die Realität die Pläne neu justierte – statt Kapitän Ruderer. Ich befand mich in der glücklichen Situation, keine solchen Enttäuschungen einstecken zu können, denn ich hatte mir noch nie Gedanken darüber gemacht, mit welcher Tätigkeit ich später mein Geld verdienen wollte..
In der Nacht meines hundertsten Geburtstags durchschritt ich also das Eingangstor meines Zuhauses, um in die Ferne zu ziehen. Meine Eltern gaben mir noch Wanderstiefel aus Hasenfell, einen ausgenommenen Uhu als Rucksack, eine Hose aus Kieferrinde, einen aus Hirschgeweih geformten Wanderstock und einen Hut aus einem mir nicht bekannten Material mit. .
Die Verabschiedung geschah nachts, weil sich auch Reformvampire innerhalb des Königreiches an die religiösen Vorgaben hielten. Noch mehr als die Sonne liebten wir nämlich unser Leben. Wie es sich für Walzverabschiedungen gehörte, verlief sie unsentimental und schnell. Vater umarmte mich, Mutter auch, dann schloss sich das Tor, ich war auf mich gestellt. Die Wanderung führte mich durch mein Heimattal und direkt in einen verbissenen Kampf mit der Natur. Sie hatte ausgenutzt, dass meine Eltern kaum das Tal verließen und darum den einzigen Weg aus ihm heraus in Besitz genommen.
Dornbüsche hatten sich auf ihm breit gemacht, sie wanden sich selbstgefällig ineinander und mehrere umgestürzte Bäume machten endgültig jeden Versuch zunichte, hier beispielsweise mit einer Kutsche durchkommen zu wollen. Nicht dass ich eine hatte, aber trotzdem. Mühsam arbeitete ich mich voran. Immer wieder schlugen mir dabei Äste ins Gesicht, Dornen rissen die Kleidung auf und Harz verklebte meine Haare. Den Walzbeginn hatte ich mir schöner vorgestellt. Am Himmel lachten die Vögel, im Dickicht kicherten Schweinsbären und auf dem Boden glucksten Ameisen. Die Natur machte sich lustig über mich. Nach unendlichen Mühen lag diese Ex-Straße hinter mir.
Nun gestaltete sich das Reisen etwas erträglicher und schon nach wenigen Stunden erinnerte mich nichts mehr an die heimatliche Landschaft. In meinen ersten hundert Jahren sah ich kaum mehr als die unmittelbare Umgebung unseres Schlosses. Aufregend. Mit einem Gefühl der Vorfreude in der Magengegend begann ich ein altes Kinderlied zu singen. Noch heute klingt es mir in den Ohren:
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Ob Fuchs, ob Dachs, ob Reh,
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das ist uns ganz egal,
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wir singen ohne b,
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versuch das Mal.
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Wir trinken aus dem See,
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das ist uns ganz egal
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wir singen ohne c
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probier das Mal.
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Es war eines jener Lieder, die auch einen Bildungsauftrag erfüllten und sich zu gleichen Teilen der Unterhaltung und Belehrung verpflichtet fühlten. In jeder Strophe sollte ein Buchstabe des Alphabetes im Mittelpunkt stehen, der im Text nicht vorkommen durfte. Insgesamt sieben Mal begleitete ich das Lied durch das Alphabet und scheiterte immer wieder am Buchstaben A, ehe sich vor mir eine Lichtung auftat. Die Sonne ging gerade auf und die Wärme des anbrechenden Tages kitzelte auf meiner Haut.
2. Kapitel: Dank zwergischer Hilfe endlich ein Reiseziel
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Aus einem Felsen ergoss sich ein Quellstrom in das Erdreich und auf der Wiese stand eine kleine Hütte. Nachdem ich den ersten Durst stillte, wanderte ich auf diese Behausung hinüber und öffnete die Tür. Ein Zwerg wirbelte erschrocken herum, als er den Eindringling bemerkte.
Es musste ihn tatsächlich in Unruhe versetzt haben, denn wie ein Irrer ging er mit einem Knüppel auf mich los. In Notwehr umfasste ich seinen Hals und drückte solange zu, bis der Zwerg versprach, die Waffe niederzulegen. Sein Haus war zwar spärlich doch gemütlich eingerichtet. An den Wänden hingen Zeichnungen von verschiedensten mineralischen Rohstoffen.
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Es gab nur einen einzigen großen Raum. Über der kleinen Kochnische hingen mehrere Tierschädel. Keine Hirschgeweihe wie in den Wirtshäusern der Jäger, sondern mehrere Eichhörnchen und zwei Hasenköpfe. In einer Ecke des Zimmers flackerte ein Lagerfeuer. Hasenfelle verdeckten den Erdboden. Vier kleine Fenster befanden sich nebeneinander auf der zum Wald gerichteten Hauswand, dafür blieben die drei anderen blind.
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Der Esstisch stand genau so vor den vier Fenstern, dass alles hereinströmende Licht sich über ihm ergoss. Er wirkte bei Dunkelheit geradezu mystisch. In einem weiteren Eck befand sich das Bett des Zwergen. Offensichtlich lebte er allein. Ich besaß an jenem frühen Morgen, dem ersten frühen Morgen auf der Walz noch nicht genug Lebenserfahrung, um die Bedeutung von Worten wie Privateigentum oder Hausfriedensbruch zu begreifen. Auf unserem Schloss durfte ich überall hin, es gab nicht einmal eine geheime Türe, zu der mir der Zutritt verboten war. Ich hatte lange nach einer solchen gesucht, es gab sie einfach nicht. Es ärgerte mich deswegen, dass der Zwerg mich weiterhin misstrauisch beäugte. Ich setzte mich auf den Boden vor den Tisch, damit ich mich in etwa aufAugenhöhe mit meinem Gastgeber, der eher ein Gastaushalter war, befand.
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Der Zwerg setzte sich ebenfalls, eine an der Wand hängende Axt anstarrend. Unter Missachtung der Höflichkeit servierte er keine Getränke. Um die gedrückte Stimmung zu lockern, begann ich eine Konversation.
„Zwerg ich bin auf der Walz und…“, begann ich, doch der Zwerg unterbrach missmutig.
„Du kommst aus dem Tal stimmt`s?“
„Ja.“
„Betet ihr wirklich eine Bergziege an und paart euch mitAmeisenfüchsen?“
„Wer behauptet das denn?“
„Die Zeitung.“, erklärte er und hob dabei die aktuelle Ausgabe der Die Wahrheit hoch.
„Glaub nicht alles, was die Zeitung des Königs schreibt!“
„Alle Vampirzeitungen schreiben das. Ihr Reformer sollt keine richtigenVampire mehr sein, eher Sonntiere.“
„Es gibt doch nur diese eine Vampirzeitung im Königreich.“
„Ich glaub der Presse.“
„Wir sind genauso vampirisch wie alle anderen auch, nur dass wir nicht einsehen, warum wir nicht tagsüber unterwegs sein sollen und dafür nachts schlafen? Weißt du, dassReformer im Durchschnitt vierzehn Jahre länger leben als die anderen? Die Religiösen sterben am frühesten. Die Sonne tut dem Immunsystem gut, wir Vampire sind…“
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Der Zwerg unterbrach meinen Monolog abrupt und setztezu einer alles entscheidenden Frage an.„Kannst du fliegen?“
„Nein.“
„Dann bist du kein Vampir!“
„Vampire können nicht fliegen!“
„Ohh ja und Elefanten sind Bienen.“
„Hör zu, du Winzling…“
„Zwerg, ich bin kein Winzling, ich bin Zwerg!“
„Ist mir doch egal…“
„Ach ja, aber beleidigt sein, wenn ich dir deinen Vampirstatus aberkenne!“
„Beruhig dich, Zwerg, also kein Vampir kann fliegen – ein altes Vorurteil.“„Ohh ja und Elefanten sind Bienen!“
Ich überlegte kurz, ob es lohnt, dieses Gespräch weiterzuführen, fand es aber nicht sinnvoll. Die Bitte meines Gegenübers, endlich sein Heim zu verlassen, verneinte ich und wechselte stattdessen zu einem anderen Thema.
„Kannst du mir einen Beruf empfehlen, denn ich bin auf der Walz?“
„Was reizt dich denn?“, wollte der Zwerg mit gespieltem Interesse wissen. „Etwas mit Abwechslung.“
„Oh, da habe ich etwas für dich, es liegt unter dem Tisch, sieh doch gleich nach!!!“
„Was ist denn da? Aua!!!“ Ein schwerer Stein traf mich am Kopf. Doch schien er aus dem Nichts gekommen zu sein. Der Zwerg saß immer noch auf seinem Stuhl und ich vergaß diese merkwürdige Begebenheit schnell wieder.
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Erst als er Jahre später für eine Zeitung einen Aufsatz über das Trauma seines Lebens schrieb und damit meinen Besuch bei sich, den er Einbruch nannte, meinte, erfuhr ich, dass er damals diesen Stein geworfen hatte. Er hoffte, damit meinen Schädel zu spalten.Außerdem stand in diesem erhellenden Aufsatz auch, dass er als Reaktion darauf entschied, sein mühsam Erspartes doch nicht in eine Reise zu den Bergwerken von Zilidok, sondern in eine einbruchssichere Tür zu investieren. Womit der Traum ausgeträumt war, einmal die mächtigen Stollen zu bewundern, den Schacht der Xob zu sehen und ein Gruppenbildnis mit Kumpeln zu ergattern. Für ihn zerbrach damit nicht nur ein lang gehegter Reisewunsch, sondern auch die Hoffnung auf eine ehrenvolle Bestattung.
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Wie er weiter ausführte, mussten Zwerge im Verlauf ihres Lebens mindestens einmal zu den Bergwerken von Zilidok gereist sein, um von dort einen Brocken Kohle mitzubringen. Dieser wurde dem Leichnam in die Tasche gesteckt und sollte ihm als eine Art Kompass dabei helfen, den Weg durch das Erdreich nach Zilidok zu finden, wo die Verstorbenen dann als Kohle wieder zutage gefördert wurden. Nach der Lektüre dieses Textes konnte ich ihm endlich verzeihen, dass er damals keine Getränke auftischte. Wer sich mit seiner baldigen Verdammnis abfinden muss, kann schon einmal die guten Sitten vergessen.
„Ähh na ja, Vampir hast du vielleicht schon einmal was von den vier Kronen der Mait gehört?“
„Nein, aua schon wieder ein Schlag.“
„Die vier Kronen verleihen seinem Besitzer unglaubliche Macht.“
„In welcher Hinsicht? Weltlich? Geistlich?“
„Beides! Die Kronen der Mait krönten vor Urzeiten die Häupter des Mamuck Königs. Es heißt, wer diese Kronen wieder findet, der ist der legitime Nachfolger dieser edlen Königsart.“
„Aua!“
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Mir stockte der Atem und ich hatte Kopfschmerzen. Die Mamuckkönige waren lebende Legenden, zumindest die, die nicht im Königsdom ruhten. Über Jahrmillionen regierten sie den Planeten exklusiv. Überall hörte man von der Pracht ihrer Hauptstadt.
„Die Mamucks leben noch immer in ihren Käferhäusern!“, erklärte der Zwerg.
Bei den Käferhäusern handelte es sich um riesige Käfer, die von mamukischen Wissenschaftlern zu abnormer Größe gezüchtet wurden. Auch ich erinnerte mich an Berichte, die ich über diese Stadt gehört hatte.
„Als Groß-Mamuck erbaut wurde, wurde sie von einer Mauer aus purem Holz beschützt!“
„Das wird sie heute immer noch und mittlerweile ist das nicht mehr so modern.“, wand der Zwerg ein.
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"Ja aber damals handelte es sich um etwas Revolutionäres. Die anderen Städte wurden gerade mal mit Stofftüchern geschützt und deren Einwohner lebten in Erdlöchern. Übrigens sollte eigentlich auch eine ganz andere Mauer gebaut werden, doch ein Zahlendreher beim Bestellen verhinderte das…“
Der Zwerg fiel mir wieder ins Wort, es war ihm wichtig, als Kenner der
mamukischen Geschichte erkannt zu werden. Wie auswendig gelernt spulte er die folgenden Fakten herunter.
„…Sie wollten nicht die Holzpalisadenmauer mit der Artikelnummer 0019, sondern die bis in alle Ewigkeit revolutionäre Kometenringmauer. Diese besteht aus einer Vielzahl kosmischer Gesteine, die frei schwebend um den zu sichernden Ort kreisen und dank der Anziehungskraft einer der Lieferung beiliegenden Miniatursonne in ihrer Umlaufbahn bleiben. Sie können unter der Artikelnummer 0091 bezogen werden und sind für schwerkraftanfällige Wesen praktisch unüberwindbar. Dasselbe gilt auch für die schwerkraftresistenten, da sie die Aufprallgeschwindigkeit der Kometen schlicht zerreißen würde. Nur Wesen, die sowohl Unsterblichkeit als auch Schwerkraftresistenz auszeichnete, können sie überwinden, doch gibt es nur wenige, die diese Kriterien erfüllen und die haben für gewöhnlich Besseres zu tun, als über fremde Mauern zu klettern.“
„Stimmt Zwerg.“
Er setzte sein Referat über die Mamucks fort und er wirkte dabei entspannt. Im Nachhinein mit dem Wissen darüber, dass ihm in jenem Augenblick seine Verdammnis schon bewusst war, finde ich sein damaliges Auftreten geschmacklos. Wie konnte er unter solchen Umständen noch solche Trivialitäten von sich geben? Auch wenn es interessant war zu erfahren, dass Groß-Mamuck
„die älteste Stadt ist. Ziemlich genau drei Milliarden Jahren alt. Danach folgt Rakk Welthor mit geschätzten eineinhalb Milliarden Jahren und darauf Serg Mevlin mit neuntausendacht Jahren.“
Danach setzte eine längere Pause ein. Ich dachte über Groß-Mamuck nach, während ein faustgroßer Stein neben mir gegen die Wand krachte. Die Liste der Superlativen zu Groß-Mamuck war wirklich außerordentlich lang und aufgrund ihrer Länge selber wiederum eine Superlative. Es handelte sich um die bevölkerungsreichste Stadt aller
Zeiten.
Erbaut auf einer eigens für diesen Zweck aufgeschütteten Insel im eigens für diesen Zweck ausgehobenen Zerbrochenen Ozean. Sklaven schütteten einst Tag für Tag und Nacht für Nacht eimerweise Wasser nach, damit sich dieses künstliche Gewässer nicht verflüchtigte. Wegen der intensiven Sonnenbestrahlung verdunstete das Meer in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit.
Diese hitzebedingten Probleme löste der legendäre Feuerwehrpionier Robol Prokap, indem er die Sonne mit einem konzentrierten Wasserstrahl solange attackierte, bis sie merklich an Leuchtkraft einbüßte. Seitdem glüht sie als kümmerliche Funzel matt vor sich hin. Zumindest aus Sicht der Mamucks, die als einzige sprechende Wesen schon hier existierten, als sie ihre legendäre Intensität noch nicht eingebüßt hatte. Beinahe alles andere Leben erfror damals aufgrund des einsetzenden Klimawandels.
Die wenigen, die es überstanden, blieben seitdem stumm. Jahrmillionen mussten vergehen, bis sich die Natur von dieser Katastrophe einigermaßen erholte. Der Zwerg unterbrach meine Gedanken.
„Du warst wohl noch nie in Groß-Mamuck?“
„Nein. Du etwa?“
„Oh ja, oh ja!“
„Stimmt es, dass es dort immer düster ist?“
„Ja, zumindest an den meisten Stellen, es ist eine Düsternis, als ob Nebel und Rauch sich
vermählt hätten. Selbst bei Tag.“
„Weißt du, warum das so ist?“
Die Augen des Zwergen leuchteten kurz auf und schon begann er mit einem weiteren Monolog.
„Ja, es liegt an ihrer Käseglocke. Die Mamucks fanden es irgendwann öde am Himmel nachts immer dieselben Sternenbilder sehen zu müssen und bauten darum eine Konstruktion, die etwa das Aussehen einer gigantischen Käseglocke hat. Sie schwebt über dem Zerbrochenen Ozean und seine einzige Funktion besteht darin, in regelmäßigen Abständen eine neue Tierform vor den Mond zu projizieren. Das Mondlicht gelingt dann nur noch durch diesen Filter nach
Groß-Mamuck. Mal als Giraffe, mal als Schildkröte, mal als Eichhörnchen oder einem anderen der vielen vorprogrammierten Tiere. Sogar die Zeitrechnung der Bewohner von Groß-Mamuck orientiert sich an diesen Mondmotiven. Als ich dort für einige Monate arbeitete, unterschrieb ich einen Vertrag von Fuchs bis Mader.“
Ich hatte von dieser Käseglocke schon gehört. Es handelte sich tatsächlich um eine
außergewöhnliche Erfindung. Niemand kann sagen, welche Technik die Mamucks für ihren Bau verwendeten. Dieser Schirm überzieht den Zerbrochenen Ozean wie ein zweites Firmament, ohne irgendwo mit dem Erdboden verbunden zu sein. Er ist nachts beinahe durchsichtig und meistens nicht erkennbar.
Nur wenn man genau an der Grenze zwischen dem Zerbrochnen Ozeans und dem Gebiet steht, das nicht mehr von diesem Konstrukt überdacht wurde, soll ein schwaches violettes Knistern oder Zittern in der Atmosphäre bemerkbar sein. Tagsüber fällt er dafür umso mehr auf, denn die Sonnenstrahlen können die Konstruktion nicht ungehindert durchdringen und verfärben sie schwarz. Das Filtersystem lässt das Sonnenlicht nur in gedämpftem Zustand durch, die Erklärung für das immerwährende Dämmerlicht. Ich fragte mein plötzlich redselig gewordenes Gegenüber. „Das heißt, es gibt kein richtiges Sonnenlicht in Groß-Mamuck?“
„Doch Vampir, es gibt Risse in der Käseglocke. Verschleißerscheinungen.
Durch die gelangen die Sonnestrahlen ungehindert hindurch und erhellen wie
göttliche Himmelssäulen die Düsternis. Um die meisten dieser Lichtoasen
lungern aber Eidechsenbanden herum… und verschwinde jetzt endlich aus
meinem Haus!“, er versuchte die Axt von der Wand nu nehmen, doch stürzte er
dabei, ich musste lachen.
„Zwerg du hast komödiantisches Talent, aber du hast Recht, ich muss jetzt aufbrechen, die Nacht bricht gerade an.“
„Wohin führt dich dein Weg nun?“, erkundigte er sich, während er sein Knie hielt.
„Ich werde die Kronen der Mait suchen!“
„Du bist wahnsinnig. Jeder, der das bisher versuchte, ist tot!“
„Hat es denn schon mal jemand versucht?“
„Bestimmt!“
3. Kapitel: Meine Entgegnung:
„Sag du mir nur noch, wie ich nach Groß-Mamuck komme, ich will sie finden und
mich zum König über die Mamucks ausrufen lassen!“
4. Kapitel: Groß-Mamuck so nah!
Der Zwerg erläuterte die Reiseroute detailreich und schon bald befand ich
mich wieder auf Wanderschaft. Das lange Gespräch hatte mich ermüdet und die
ständigen Steinattacken zermürbt. Nach einer durchwanderten Nacht suchte ich bei Tagesanbruch in einem Wald einen Schlafplatz. Er fand sich in Form einer unbewohnten
Marderbärenhöhle. Nach vielen hundert weiteren Kilometern erblickte ich dann von einer Anhöhe aus den Zerbrochenen Ozean. Er erstreckte sich bis zum Horizont. Stürme tobten über ihn hinweg, ließen die Wasser gegen die Ufer branden. Wellen türmten sich zu unglaublicher Höhe auf und ließen mich daran zweifeln, ob hierbei alles mit rechten Dingen zuging. Wahrscheinlich hatten die Mamucks auch bei diesen Naturgewalten trickreich nachgeholfen.
Inmitten dieser Urgewalten befand sich auf einer Insel die Stadt Groß-Mamuck, verschont von allen Stürmen und Springfluten, geschützt durch eine Hightech-Käseglocke und bester Beweis für die Unterwerfung der Natur durch die Mamucks. Ich glaubte sogar die Stadtholzmauern erkennen zu können. Begeistert von diesem Anblick bezog ich auf der Anhöhe Quartier. Über dem Ozean zog gerade ein furchtbares Unwetter auf, dessen Wolkendecke nur über Groß-Mamuck aufriss und die Stadt verschonte. Hunderte Blitze fauchten vom Himmel herab, die Wassermassen bäumten sich auf, Stürme zerrissen alles, was sich auf dem Ozean befand. Und in Groß-Mamuck musste währenddessen keine Frisur neu gerichtet werden.
Während dieses Schauspiels zog langsam der Mond auf. Ich war gespannt, was mich in Groß-Mamuck erwarten würde und überlegte erstmals, ob die Idee König zu werden eigentlich besonders realistisch ist, hörte jedoch bald wieder damit auf. Morgen um diese Zeit wollte ich schon in dieser geheimnisvollen Stadt sein. Vor mir lag nur noch ein Marsch durch eine Ebene und die Überfahrt nach Groß-Mamuck. Die Ebene stellte zugleich die Grenze des Vampirreiches dar. Sie gehörte schon zum Hoheitsgebiet der Mamucks. Sobald sie erreicht war, müsste ich nicht mehr aus Rücksicht auf primitive Rituale meinen Schlaf-wach-Rhythmus ruinieren. Weil sich der Ausblick von der Anhöhe aber so spannend präsentierte, ging ich das geringe Risiko ein, hier als Reformvampir erwischt zu werden.
Nachts schlafend aufgefunden zu werden oder beim Versuch schlafen zu wollen, stellte ein Verbrechen dar. Die Strafen, die darauf standen, garantierten nicht, dass der Verurteilte danach überhaupt noch einmal gegen ein Gesetz verstoßen konnte. Die Anhöhe ging in einen Wald über und auch um meine Ruhestelle herum standen Bäume, außerdem gab es einige Sträucher und viel Geröll. Eine Entdeckung wäre demnach wirklich unwahrscheinlich, vor allem hier an der Grenze. Sorglos kam der Schlaf.
5. Kapitel: Der sorglose Schlaf log mich an!
Ein markerschütternder Schrei ließ mich hochschrecken. Überall um mich herum flüchteten Flederratten. Die Luft war erfüllt von ihren Flügelschlägen. Sie vibrierte förmlich. Die Tiere krischen sich Befehle zu. Wenn Flederratten einen Ort verlassen, bedeutet das nie Gutes. So viel wusste ich noch aus den Tierbüchern, die mir Wladimir früher vorlas. Doch konnte ich mich nicht mehr erinnern, auf welche Gefahr ihr Fluchtverhalten hinweist. Trotz allem Grübeln kam mir die Lösung erst, als sie in Form eines scheußlich aussehenden Mausfalters vor mir auftauchte. „Mausfalter!“, schoss es mir sodann durch den Kopf. Nun konnte ich vor meinem inneren Auge plötzlich sehen, was in den Büchern über diese Greifvögel stand.
Der Mausfalter.
Ein aggressiver Greifvogel.
Männchen: Fleischfresser. Weibchen: Vegetarier.
Vierreihige Reißzähne sorgen für den schnellen Tod des Opfers, wenn es den stumpfen Backenzähnen zuvor wiederholter misslingt, dem Opfer den Gnadenbiss zu versetzen.
Bevorzugte Jagdgebiete: Die Wälder um Groß-Mamuck.
Paarungsverhalten: Kaum erforscht, aber da die Mausfalter Weibchen zumeist weder sexuell noch intellektuell an ihren männlichen Artgenossen interessiert sind, lassen jene ihren Frust an ihrer Beute aus.
Beuteschema: Bevorzugte Beute sind Flederraten, aber auch kleine Gattungen von Drachen (Schmetterlingsdrachen, Hamsterdrachen) und Vampire… und eigentlich alles, was in ihre 360 Grad Augenradius gerät.
Mausfalter besitzen nur ein Auge, das sich um den Schädel herum dreht und dabei die Umgebung nach Beute absucht. Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor einem solchen Greifvogel in Sicherheit zu bringen: Irgendwo Deckung suchen und hoffen, dass er sich ablenken lässt. Denn auch wenn sie ansonsten perfekt für ein Leben in der Wildnis ausgestattet sind, macht ihnen ein Makel doch schwer zu schaffen: Sie leiden am Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
Leider verpasste ich die Gelegenheit mich zu verstecken und schon fixierte mich sein gelbes Auge. Mit einem furchtbaren Fauchen raste das Tier auf mich zu. Starr vor Angst sah ich mich außer Stande für irgendeine Art von Reaktion. Die Reißzähne kamen immer näher. Dann musste ich auch noch mit ansehen, wie sich der Kiefer des Angreifers verschob und die stumpfen Backenzähne zum Vorschein kamen. Die waren eigentlich für den Verzehr von Blättern gedacht. Es ist die Lust am Quälen, die den Mausfalter veranlasst, es zuerst mit diesen Bissen zu versuchen.
Das furchtbare Gebiss mit seinen untödlichen Zähnen stand kurz davor, mich zu verschlingen, da brach die Attacke plötzlich ab.
Vollkommen perplex brauchte es einige Sekunden, bis ich wieder klar denken konnte. Ich hatte Glück. Gerade in dem Moment, in dem mein Schicksal besiegelt zu sein schien, veranlasste ein Geräusch hinter dem Mausfalter sein Auge dazu, dorthin zu rotieren. Wenn es sich bei den Mausfaltern nicht um so unbarmherzige, grausame Jäger handeln würde, so hätte ich wegen des nun Folgenden Mitleid mit dem Greifvogel gehabt.
Das Auge des Mausfalters kreiste hektisch um den Schädel. Jeder Laut sorgte für weitere Desorientierung beim Jäger. Er stürzte jetzt auf eine kleine Flederratte zu, nur um sich von ihr sofort abzuwenden, als das ruhelose Sinnesorgan weiter zog. Eine Attacke gegen einen Stachelfuchs wurde anschließend zugunsten eines Angriffs auf eine Zwillingsschlange aufgegeben. Dann erblickte der Mausfalter für wenige Sekunden hinter einem Baum einen zitternden Vampir. Der war ich. Doch schon fuhr das Auge ruhelos weiter. Als ob die verschiedenen Muskeln des Tieres gleichzeitig in verschiedene Richtungen streben wollten, schleuderte es den durchtrainierten Körper des Jägers mal hierhin, mal dorthin. Zerrissen von den vielen Eindrücken, denen er sich ausgesetzt sah. Sollte ein Mausfalter dauerhaft seine
Konzentrationsfähigkeit einbüßen, bedeutet dies sein Ende, er wird irgendwann vollkommen entkräftet zusammenbrechen. Von einem hellen Vogelruf hinauf in den Wald getrieben, konnte ich noch sehen, wie sich der Mausfalter auf dem Weg dorthin auf einen Feuerameisenhügel warf, seinen brennenden Rückenpanzer ignorierend sofort auf zwei verängstigte Kängurutiger zustürmte, mitten im Angriff auf ein Rehkiez aufmerksam wurde, diesem noch eine tiefe Fleischwunde am Hals zufügte und dann aus meinem Blickfeld verschwand, einem erschöpfenden Ende zueilend.
Als sein Schnaufen endgültig verstummte, wischte ich mir den Schweiß von der Stirn und begann mit dem Abstieg in die Ebene, die mich von der Hafenstadt trennte. Es war ein beschwerlicher Abstieg und auch das Wandern durch die Ebene gestaltete sich alles andere als einfach. Der Untergrund gab unter jedem Tritt nach. Mehrmals mussten Füße aus Bodenspalten gerettet werden. Die ganze Ebene wirkte merkwürdig leblos. Der Boden wies eine schwarze Färbung auf, doch hin und wieder auch rötliche oder gelbliche Schattierungen. Bei dieser Ebene mussten bedeutende Höhenunterschiede in Kauf genommen werden. Einige Male dauerte es Stunden, bis ich aus einem Tal wieder heraufstieg. Keine Ahnung, warum dieses von Kratern zerfurchte Gebiet eine Ebene sein sollte. Erst sehr viel später erfuhr ich, dass hier veraltete Käferhäuser verscharrt wurden. Während ich mühsam die beträchtlichen Höhenunterschiede der Ebene zu meistern versuchte, dachte ich noch etwas über die Mamucks nach.
Von allen Wesen auf diesem Planeten stellten sie wohl die sonderbarsten dar. Vor Milliarden von Jahren kamen sie auf dem Rücken eines Meteoriten, den sie provisorisch zu einem Raumschiff umbauten und mithilfe eines Sonnensegels steuerten, hierher. Sie sahen exotisch aus, was ihnen die Ur-Lebensformen übel nahmen. Es kam nach ihrer Landung zu einigen unschönen Szenen und die Spezies, die hier schon ihre gesamte Evolution lang existierten, forderten ihre sofortige Weiterreise.
Sie sehen wirklich etwas sonderbar aus. Dort wo Vampire Beine haben, hängen bei den Mamucks drei Katzen heraus, was sie zu schnellen Sprintern macht. Ihre zwölf Pfoten sicherten ihnen für lange Zeit die Vormachtstellung in dieser Sportdisziplin. Auf einem Torso aus einer nebeligen Flüssigkeit thronen fünf Köpfe. Anstelle von Armen besitzen sie gar nichts. Sie sind nicht fähig, Gegenstände zu greifen. Trotz ihrer Intelligenz ist es ihnen niemals gelungen, dieses Manko zu korrigieren, weswegen sie nur äußerst ungern auf Kegelabende gehen. Aus Trotz und weil sie dazugehören wollten, kleben sie sich links und rechts an ihren auf sonderbare Weise sowohl nebligen und dennoch organischen Torso je einen Papierstreifen. Auf ihnen steht das Wort Arm.
Mein Bein glitt in etwas Klebriges hinein, was mich aus meinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit zwang. Bis zum Knie steckte ich in einem Mausfalter-Kadaver. Dieses Tier muss in seiner Verzweiflung weit in die Ebene hinein gestürmt sein, um hier endgültig zu verenden.
Schon zuvor lagen einzelne dieser Greifvögel auf der Erde der unebenen Ebene, dahingerafft von einem angeborenen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Einen solchen Tod wünscht man niemandem. Andererseits ist es auch nicht nett, seine Beute mit Backenzähnen zu quälen. Es verging noch einige Zeit, ehe der Hafen auftauchte. Dessen Zustand überraschte und verschreckte gleichermaßen. Ein längst in die Endphase der Verrostung eingetretenes Schild verkündete “Willkommen in Klein-Mamuck, der Hafenstadt“.
6. Kapitel: Klein-Mamuck
Obwohl es keiner Erklärung bedurft hätte, wenn sich dieser Ort als unbewohnt herausgestellt hätte, lebten hier tatsächlich einige Wesen. Nach einem Blick in die letzte, nicht mit Holzbalken verbarrikadierte Spelunke verflüchtigte sich bei mir jedes Interesse, mich mit den Bewohnern länger als unbedingt nötig auseinanderzusetzen. Klein-Mamuck präsentierte sich in einem jämmerlichen Zustand. Im Hafen lagen zwei alte Schiffe vor Anker, aber nur eines über der Wasseroberfläche. Auf die Existenz des anderen deutete die Betriebsamkeit der Matrosen hin, die es mithilfe eines Taus und hektischer Gesten vom Meeresgrund zu bergen versuchten. Sicherlich ertrug dieses sensible Gefährt irgendwann die Tristesse des Klein–Mamuckischen Hafens nicht mehr und wählte aus Verzweiflung die Flucht in die Tiefe. Verständlich.
Drei Häuser standen schief gegen den vom Zerbrochenen Ozean hinüber wehenden Wind. Im Verlauf der Zeiten hatten sie sich so trotzig gegen die Stürme gestemmt, dass sie nun bedrohlich weit über die Klippe ragten. Ihr Absturz müsste unweigerlich folgen, sollten die Stürme einmal ausbleiben. Sie waren längst auf deren stabilisierende Wirkung angewiesen. Es stellte sich aber bald heraus, dass hier immer Orkane und Windhosen wüteten
Der Fährfahrplan bestach durch seine Schlichtheit, es gab es nur eine Verbindung: Von Klein-Mamuck nach Groß-Mamuck. Mit Schrecken musste ich ihm entnehmen, erst morgen ablegen zu können. Eine Übernachtung ließ sich also nicht vermeiden. Mit einem mulmigen Gefühl führten die Schritte nun in die düstere Spelunke. An der Decke hingen Körbe mit Kerzen, weitere standen, keiner bestimmten Logik folgend, verstreut im Raum herum.
Direkt neben dem Tresen führte eine Treppen in ein weiteres Stockwerk. Die Hocker wurden bevölkert von grimmigen Arbeitern, an den Tischen saßen ebenfalls Arbeiter, hin und wieder stach ein Seeräuber aus der Arbeitermasse heraus und auch zwei Elben fielen auf, die in einer Ecke kauerten und offensichtlich ebenfalls auf die Fähre warteten.
„Was willst du? “, blaffte mich plötzlich ein Kerl an, der vorsorglich mit einer Armbrust herumfuchtelte. Er war Pirat im Ruhestand. Auf seinem Rücken standen die Namen der Schiffe, an deren Kaperung er sich beteiligt hatte – offensichtlich mit glühenden Eisen hinein gebrannt.
„Ich such eine bleibe für die Nacht“, antwortete ich, in einem Wandspiegel studierte ich die Liste auf dem Piratenrücken:
H.M.S. Beagle.
Bounty.
Endeavour.
Gorch Fock.
Great Eastern.
Santa Maria.(dabei Tanja entführt und geheiratet!)
Nina.
Pinta.
„Warum?“, wollte der Pirat wissen.
„Meine Fähre sticht erst morgen in die See.“
„Wohin?“
Überrascht entgegnete ich:
„Wohin wird sie wohl fahren?“
Diese Gegenfrage brachte den Piraten aus dem Konzept, weswegen er mit leicht irritierter Stimme wieder von vorne begann.
„Was willst du?“
Sein erneuertes Interesse ignorierend pochte ich auf eine Entscheidung.
„Können Sie mir Zimmer geben oder nicht?“
Der Pirat wurde still und Schweiß trat auf seine Stirn. Vermutlich analysierte er gerade das Gespräch, um den Punkt zu finden, an dem er die Initiative verloren hatte. Ergebnislos brach er ab und warf mir einen rostigen Schlüssel zu.
„Mach ja nichts kaputt! Das ist ein Vertrauensbeweis! Die Treppe hoch und dann im Flur die letzte Tür links.“
Gespannt machte ich junger Vampir auf der Walz mich auf den Weg. Beim Aufstieg entfuhren dem Treppenhaus beunruhigende Geräusche. Oben angekommen empfing mich ein winziger Flur. Zur Linken gab es fünf Zimmer, zur Rechten nur drei. Anstelle der beiden fehlenden klaffte ein offener Riss im Gebäude, der den Blick in eine Schlucht gewährte. Noch nicht einmal ein provisorisches Gitter oder eine Kette sperrte die Unfallstelle ab. Wegen der fehlenden Hauswand zog ein unangenehm kalter Wind durch den Flur, weswegen ich rasch meinen Schlafplatz aufsuchte. Letzte Tür links. Erschöpft bettete sich mein Körper auf das Bett. Erst nach einem Nickerchen reichten die Kräfte aus, sich im Zimmer umzusehen.
Es handelte sich nicht unbedingt um eine Luxusherberge, dagegen sprach schon der Hochseeadler, der in einer Ecke saß und mich misstrauisch beäugte. In Luxusherbergen gehörte es zum Service, Hochseeadler aus den gebuchten Räumlichkeiten zu vertreiben. Es wäre dieser Absteige auch nicht gerecht geworden, sie eine normale Herberge zu nennen, dann hätte es keinen zweiten Hochseeadler geben dürfen, der sich fauchend auf seinen Verwandten stürzte. Normale Herbergen achteten zumindest darauf, dass sich nie mehr als eines dieser Tiere in einem Raum aufhält, um genau solche unschönen, blutigen und lauten Kämpfe zu vermeiden.
Allerdings hätte man diesen Aufenthaltsplatz unrecht getan, ihn deswegen als miserable Herberge zu titulieren, dafür hätten die vierzehn weiteren Hochseeadler nicht kreuz und quer im Raum verteilt auf dem halb zusammengebrochenen Kleiderschrank, dem moosbewachsenen Tisch und der verwitterten Kommode sitzen dürfen. Selbst miserable Herbergen legen zumindest noch Wert darauf, keine Hochseeadlerkolonie in ihrem Inneren zu tolerieren. Kurzum, mir fehlten die Worte um diesen Aufenthaltsort angemessen zu beschreiben. Es schien, als ob durch mein Zimmer eine bedeutende Flugroute der Hochseeadler führte und so war es auch. Ohne Unterlass flogen diese Vögel durch ein Loch in der Wand hinein und durch ein anderes hinaus.
Eine breite Kerze, in einem schief von der Decke hängenden Korb sollte als Lichtspender dienen. Weil aber eine besonders füllige Hochseeadlerin in ihm ein Ei ausbrütete, erhellte nur das fahle Mondlicht das Zimmer etwas.